Frühgeburt: Wenn das Baby zu früh kommt
Checkliste: Frühgeburt
- Definition – eine Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche gilt als Frühgeburt
- Häufigkeit – betrifft etwa 8–10 % aller Geburten in Deutschland
- Risikofaktoren – Infektionen, Mehrlingsschwangerschaft, Gebärmutterhalsverkürzung, Vorerkrankungen, Stress, vorherige Frühgeburt
- Warnzeichen – vorzeitige Wehen, Fruchtwasserabgang, Blutungen → sofort in die Klinik!
- Lungenreife – bei drohender Frühgeburt verabreichen Ärzt*innen Kortison, um die Lungenentwicklung des Babys zu beschleunigen
- Perinatalzentrum – sehr frühe Frühchen (unter 32. SSW) gehören in ein Perinatalzentrum Level 1
- Känguru-Methode – Haut-zu-Haut-Kontakt mit dem Frühchen fördert Bindung, Wärmeregulation und Entwicklung
- Nachsorge – Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) begleiten die Entwicklung ehemaliger Frühchen langfristig
- Eltern-Unterstützung – Bundesverband „Das frühgeborene Kind" e.V. bietet Information und Austausch
Zu früh auf der Welt – und trotzdem stark
Eine Frühgeburt – also eine Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche – ist für Eltern einer der größten Schockmomente, die es gibt. Statt des erhofften ersten Schreis und des warmen Bündels auf der Brust stehen plötzlich Inkubatoren, Monitore und ein Team aus Neonatolog*innen im Raum. Das ist beängstigend. Aber: Die Versorgung von Frühgeborenen hat sich enorm verbessert. Selbst sehr kleine Babys haben heute gute Chancen.
Die Risikofaktoren für eine Frühgeburt sind vielfältig: Infektionen (besonders im Genitalbereich), Mehrlingsschwangerschaften, ein verkürzter Gebärmutterhals (Zervixinsuffizienz), Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, starker Stress und eine vorherige Frühgeburt. Manche Frühgeburten kommen aber auch völlig unerwartet.
Wenn sich eine Frühgeburt abzeichnet, versuchen Ärzt*innen zunächst, die Schwangerschaft so lange wie möglich zu erhalten – jeder Tag im Mutterleib zählt. Wehenhemmende Mittel können die Geburt um Tage verzögern. Diese Zeit wird genutzt, um der Mutter Kortison zu verabreichen: Das beschleunigt die Lungenreife des Babys und verbessert seine Überlebenschancen deutlich.
Wo das Baby zur Welt kommt, hängt von der Schwangerschaftswoche ab. Sehr frühe Frühchen – vor der 32. Woche oder unter 1.500 Gramm – sollten in einem Perinatalzentrum Level 1 geboren werden. Das sind hochspezialisierte Kliniken mit Neugeborenen-Intensivstation, die rund um die Uhr besetzt ist. In Berlin gibt es mehrere davon, zum Beispiel an der Charité.
Nach der Geburt kommt das Frühchen auf die Neugeborenen-Intensivstation (NICU). Je nach Reife braucht es Hilfe beim Atmen, bei der Temperaturregulation und bei der Ernährung. Sehr kleine Frühchen werden zunächst über eine Sonde ernährt, bis sie selbst trinken können. Der Aufenthalt auf der Station kann Wochen bis Monate dauern – eine emotional extrem belastende Zeit für Eltern.
Ein wunderbares Werkzeug in dieser Zeit ist die Känguru-Methode: Das Frühchen wird nur mit einer Windel bekleidet auf die nackte Brust eines Elternteils gelegt. Der direkte Hautkontakt stabilisiert Herzschlag und Atmung des Babys, fördert die Gewichtszunahme und stärkt die Bindung. Studien zeigen, dass die Känguru-Methode einen messbaren Unterschied für die Entwicklung macht. In den meisten modernen Perinatalzentren wird sie aktiv gefördert.
Als Eltern eines Frühchens hast du besondere Rechte: Der Mutterschutz nach der Geburt verlängert sich um die Tage, die das Baby vor dem errechneten Termin geboren wurde. Bei einer Frühgeburt beträgt die nachgeburtliche Schutzfrist außerdem 12 statt 8 Wochen (§ 3 Abs. 2 MuSchG) – zuzüglich der nicht genutzten Tage vor der Geburt. Wenn dein Kind im Krankenhaus bleibt, kannst du beim Arbeitgeber Freistellung beantragen. Und dein Arbeitgeber darf dir während dieser Zeit nicht kündigen.
Die Nachsorge ist bei ehemaligen Frühchen besonders wichtig. Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) bieten eine langfristige Entwicklungsbegleitung an – mit Kinderärzt*innen, Therapeut*innen und Psycholog*innen unter einem Dach. Frühförderstellen können zusätzlich unterstützen, zum Beispiel mit Physiotherapie oder Logopädie.
Und schließlich: Du bist nicht allein. Der Bundesverband „Das frühgeborene Kind" e.V. bietet Informationen, Beratung und Austausch mit anderen betroffenen Eltern. In Berlin gibt es außerdem Selbsthilfegruppen und Elterncafés speziell für Frühchen-Familien. Manchmal hilft es am meisten, mit Menschen zu sprechen, die genau wissen, wie sich diese ersten Wochen anfühlen.